Lizge Yıkmış
Sie arbeitet heute als Referentin in einem Bundesministerium und versteht sich als leidenschaftliche Macherin mit einem starken Sinn für Gerechtigkeit und gesellschaftliche Veränderung. Sie erkannte früh, wie wertvoll Bildung und Teilhabe sind. Die START-Stiftung wurde für sie zu einem entscheidenden Raum der Selbstermächtigung, in dem sie ihren eigenen Weg authentisch entwickeln konnte und eröffnete ihr wichtige Bildungs- und Förderchancen – unter anderem ein Vollstipendium an der Frankfurt School – und prägt bis heute ihr Verständnis von Solidarität, Verantwortung und gesellschaftlichem Zusammenhalt.
Welche Erfahrung hat dich persönlich geprägt?
In meinen Sommerferien im kurdischen Dorf meiner Familie habe ich schon früh erlebt, wie anders der Zugang zu Bildung dort ist – oft begrenzt, manchmal gar nicht vorhanden. Das hat mir vor Augen geführt, wie viel Freiheit und Chancen im deutschen Bildungssystem stecken, auch wenn es hier viele strukturelle Probleme gibt. Ich habe gelernt, Bildung nicht als selbstverständlich zu sehen – und genau das hat in mir den Wunsch geweckt, immer weiterzulernen und Dinge zu verändern.
Welche Lektionen nimmst du aus deiner Zeit bei der START-Stiftung mit?
START war für mich der Beginn einer Reise zur Auseinandersetzung mit mir selbst. Viele von uns kommen aus Familien, in denen niemand zuvor studiert hat, und plötzlich bewegen wir uns in Umgebungen, die weit entfernt sind von dem, was wir kennen. Gleichzeitig entfernen wir uns dadurch oft von unserem Herkunftsmilieu. Das kann schnell überwältigend sein. START ist ein Ort für diese statistische Minderheit. Die Stiftung gibt uns Gesichter und Räume, in denen wir uns selbst hinterfragen, weiterentwickeln und ermächtigen können. Eine wichtige Erkenntnis daraus: Wir müssen der Welt nicht ständig unseren Mehrwert beweisen. Viel wichtiger ist, unsere vielschichtige Identität zu verstehen und zu akzeptieren. Genau daraus entsteht eine echte Selbstermächtigung und aus diesem authentischen Ich können wir dann auch dem „Gesellschaftlichen Wir“ etwas geben.
Wie bewertest du die Zukunft der Zusammenarbeit zwischen dem öffentlichen Sektor und sozialen Initiativen wie der START-Stiftung?
Ich sehe in der Zusammenarbeit zwischen dem öffentlichen Sektor und Initiativen wie der START-Stiftung ein großes Potenzial – gerade weil sie unterschiedliche Perspektiven mitbringen. Der Staat schafft Strukturen, aber soziale Initiativen füllen sie oft mit Leben, Nähe und Realitätssinn. Damit diese Partnerschaft wirklich funktioniert, braucht es mehr Offenheit auf beiden Seiten: Verwaltung muss lernen, Vertrauen zu schenken und Kontrolle loszulassen, während Initiativen Räume für langfristige Zusammenarbeit einfordern dürfen. START zeigt, wie gut das funktionieren kann – wenn junge Stimmen ernst genommen werden und Vielfalt nicht als Zusatz, sondern als Ausgangspunkt gedacht wird.
Wie hat sich dein Leben seit START verändert, und welche Rolle spielt die Stiftung weiterhin für dich?
START war für mich der Türöffner zu entscheidenden Lebensabschnitten. Durch START wurde ich beispielsweise für weitere Förderprogramme vorgeschlagen, etwa bei der Studienstiftung des Deutschen Volkes und der Deutschlandstiftung Integration. Auch ein Vollstipendium an der Frankfurt School wurde mir dadurch ermöglicht. START hat also die Voraussetzungen geschaffen, dass ich diese wichtigen Chancen überhaupt wahrnehmen konnte. Dafür bin ich der Stiftung und besonders meiner Landeskoordinatorin sehr dankbar – die Verbindung ist für mich mehr als nur formal, sie ist auch freundschaftlich. Heute sehe ich es als meine Verantwortung, selbst Türen für diejenigen zu öffnen, die nach mir kommen.
